Dialekte im DMW-Gebiet

Allgemeines

Regionalsprachliche Variation im Untersuchungsgebiet

Das Untersuchungsgebiet des DMW umfasst Regionen, die nach Auffassung vieler Dialektolog*innen historisch am treffensten mit dem Begriffen „Rheinisch“, „Niederrheinisch“ und „Westfälisch“ zu bestimmen sind. Ob dies heute noch zutrifft, ist eine Forschungsfrage, der sich das Projekt widmen wird.

Das 20. (und 21.) Jahrhundert ist gekennzeichnet durch gravierende Veränderungen der sprachlichen Verhältnisse, die oft gekoppelt sind an umfassende gesellschaftliche Entwicklungen. Die Bedeutung der einzelnen sprachlichen Varietäten entlang eines Dialekt-Standard-Kontinuums verschiebt sich von den Dialekten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch in weiten Teilen des Untersuchungsgebietes Alltagssprache waren, zu standardnahen Varietäten. Als Ursachen für diese Entwicklung werden u.a. Modernisierungs- und Industrialisierungsprozesse, Medieneinflüsse oder auch Veränderungen der Bevölkerungsstrukur zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Entwicklung der Industrie an Rhein und Ruhr) und nach dem 2. Weltkrieg diskutiert. Als sprachliche Konsequenz dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist ein Rückgang des Dialektgebrauchs und die Entstehung neuer regionaler Sprachformen (die sog. regionalen „Umgangssprachen“) zu verzeichnen. Durch beide Entwicklungen ist die Sprachsituation im Untersuchungsgebiet des DMW bis heute geprägt.

Auf den folgenden Seiten wird die sprachliche Situation in den Regionen des Untersuchungsgebiet knapp und übersichtlich zusammengefasst. Die Darstellung orientiert sich an den traditionellen Dialekten und berücksichtigt außerdem die modernen Umgangssprachen.

Westfälisch

Westfälisch

Die westfälischen Dialekte – Westmünsterländisch, Münsterländisch, Ostwestfälisch und Südwestfälisch – sind im nördlichen Teil des Untersuchungsgebietes zu finden (s. Abb. 1).

Westfälische Dialekte (© H. Taubken)
Abb. 1 Westfälische Dialekte (© H. Taubken)

Das Westmünsterländische zeichnet sich gegenüber den anderen westfälischen Dialekten durch das Fehlen typisch westfälischer Merkmale (u.a. Kürzendiphthonge, westm. <Voggel> vs. sonst westf. <Vuegel> für ‚Vogel‘) aus und ist in Alltagsbezeichnungen dadurch hervorgehoben worden, dass es als so genanntes „Sandplatt“ den übrigen westfälischen Dialekten, die zusammenfassend als „Kleiplatt“ bezeichnet werden, gegenübergestellt wurde.

Das Münsterländer Platt wird um das Zentrum Münster herum gesprochen. Zum Münsterländischen werden neben den Gebieten zwischen Rheine, Coesfeld, Nordkirchen und Gütersloh auch Gebiete im südwestlichen Niedersachsen, nämlich neben dem Osnabrücker Land auch die Grafschaft Bentheim und Lingen gezählt. Die Dialekte der Grafschaft Bentheim schließen nördlich der Bundeslandgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen an und können als Randdialekte des Westfälischen bzw. Münsterländischen oder als Übergangsdialekte zum sich nördlich anschließenden Nordniedersächsischen beschrieben werden.

Das Ostwestfälische bildet ein relativ großes Dialektgebiet, das die Kreise Paderborn, Höxter, Bielefeld, Herford, Lippe, Minden-Lübbecke, den östlichen Teil des Kreises Gütersloh sowie den östlichen Teil des Kreises Steinfurt umfasst. Es lässt sich durch eine Eigenschaft des Vokalismus (Spaltung von mittelniederdeutsch ê2, <een>, <Kleid> vs. <een>, <Kleed> im Münsterländischen) nach Westen von den anderen westfälischen Dialektgebieten gut abgrenzen.

Der südwestfälische Raum schließt im Westen an den niederfränkischen Raum und im Osten an das Ostwestfälische an. Ein großer Teil des ruhrdeutschen Gebiets gehört sprachhistorisch gesehen zum Südwestfälischen. Allerdings ist das südwestfälische Niederdeutsch hier bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von einer hochdeutschen Umgangssprache abgelöst worden (s. Ruhrdeutsch). Zum südwestfälischen Dialektraum gehören die Kreise Soest und Olpe, der Hochsauerlandkreis sowie der Märkische Kreis, wobei die Grenze nach Westen zum Ruhrdeutschen unscharf ist.

(Nieder-)Rheinisch

Rheinisch und Niederrheinisch

Die Dialekte südlich und südwestlich des Westfälischen bilden ein Kontinuum, das in der Dialektologie oft Mittel- und Niederfränkisch genannt wird und in der Alltagssprache oft die Bezeichnungen „Rheinisch“ und „Niederrheinisch“ erhält.

Dialektkarte Rheinisch und Niederrheinisch (© G. Cornelissen)
Abbildung 2: Dialektkarte Rheinisch und Niederrheinisch (© G. Cornelissen, s. http://www.rheinische-landeskunde.lvr.de)

Zum Rheinischen gehört insbesondere die am weitesten verbreitete und auch überregional bekannte Variante „Kölsch“, dialektologisch als Ripuarisch bezeichnet. Im östlichen Teil des Untersuchungsgebietes des DMW liegen im Süden Randzonen des Moselfränkischen und des Hessischen. Für das Moselfränkische sind das Siegerländer Platt im Altkreis Siegen und in Teilen die Kreise Altenkirchen und Westerwald. Für das Hessische ist es das Wittgensteiner Platt im Altkreis Wittgenstein. Die beiden Dialekträume sind durch das Rothaargebirge voneinander geschieden.

Die nördlichste Varietät des rheinischen Sprachraums ist das Niederfränkische bzw. Niederrheinische. Das Nordniederfränkische/Kleverländische wird vom Südniederfränkischen (einschließlich des Ostbergischen) durch die <ik (ek)> – <ich (ech)> bzw. <sik (sek)> – <sich (sech)>-Linie (Uerdinger Linie) getrennt. Das Kleverländische wird auch als Nord-Limburgisch oder Südgeldersch bezeichnet. Der limburgisch-niederrheinische Raum gilt als südniederfränkische Übergangslandschaft. An den niederfränkischen Sprachraum schließt sich im Süden das Ripuarische an.

Eine Besonderheit der Sprachlandschaft am Niederrhein ist eine pfälzische Sprachinsel (in der Karte als „Dialektinsel“ markiert), die Mitte des 18. Jahrhunderts von Siedlerfamilien aus der Kurpfalz bzw. dem Hunsrück gegründet wurde, die eigentlich über Rotterdam nach Pennsylvania auswandern wollten. Als sich die Abreise verzögerte, blieb ein Teil der Familien am Niederrhein. Ihr Dialekt ist bis heute zumindest in Resten erhalten.

Ruhrdeutsch

Ruhrdeutsch

„Ruhrdeutsch“ ist eine relativ junge Varietät, die im Ruhrgebiet gesprochen wird. Es handelt sich dabei nicht – wie im Fall des Westfälischen und Rheinischen/Niederrheinischen – um einen althergebrachten Dialekt, sondern um eine sog. „Umgangssprache“ (oder: Regionalsprache). Sie ist charakteristisch für den gesamten industriellen Ballungsraum. Der Beginn des Ruhrdeutschen wird in den 1870er Jahren gesehen. Es kann angenommen werden, dass bereits an der Wende zum 20. Jahrhundert der Sprachenwechsel vom historischen Dialekt zu der standardnahen Umgangssprache stattgefunden hat.

Das Ruhrdeutsche erstreckt sich über mehrere Dialekträume: Ein großer Bereich gehört dem Südwestfälischen an, ein kleinerer Bereich dem Niederrheinischen (Duisburg, Mühlheim, der Kreis Wesel und Teile Oberhausens).

Das Ruhrdeutsche ist einerseits geprägt durch Relikte aus den historisch ererbten westfälischen bzw. niederrheinischen Dialekten, andererseits durch Regionalismen, die vielfach als Reduktionsformen von ursprünglichen standardsprachlichen Ausdrücken zu verstehen sind (z.B. <Hömma> ‚Hör mal’).

Weit verbreitet sind populäre Vorurteile über den Ursprung bzw. die Charakteristika des Ruhrdeutschen. So lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, dass die zum Ende des 19. Jahrhunderts in großer Zahl eingewanderten Arbeiter mit polnischer Muttersprache wesentliche Spuren im Ruhrdeutschen hinterlassen haben. Es finden sich hier nur wenige Einzelwörter polnischen Ursprungs (z.B. <Mottek>, ‚Hammer’). Auch ist die Vorstellung eines „sprachlichen melting pots“, in dem sich alle Sprechergruppe, die ins Ruhrgebiet eingewandert sind, gegenseitig sprachlich beeinflusst und das Ruhrdeutsche als Ausgleichssprache entwickelt hätten, wohl falsch. Studien zeigen, dass das Ruhrdeutsche wesentlich durch die alten, lokalen Dialekte geprägt ist und viele Merkmale der gesprochenen Sprache (Verschleifungen, Verkürzungen etc.) zeigt.