Dialektologische Aspekte

Traditionelle Dialektologie

Die traditionelle Dialektologie

Die Dialektgeographie interessiert sich für die Beziehung von Sprache und Raum. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die erste systematische flächendeckende Fragebogenerhebung. Initiiert und durchgeführt wurde sie von dem Sprachwissenschaftler Georg Wenker (1852-1911), der Leiter des Forschungsinstituts für Deutsche Sprache in Marburg war. Aus der Erhebung entstand in den Jahren 1888 bis 1923 als ganz wesentliches Ergebnis der Sprachatlas des deutschen Reichs (der sog. Wenker-Atlas), in dem nach den damaligen Standards flächendeckend Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Dialekte im Gesamtgebiet des ehemaligen Deutschen Reiches präsentiert wurden. Der Atlas beantwortet insbesondere Fragen zur Phonologie. Morphologie, Syntax und Lexik werden nur am Rande mitberücksichtigt. Zu den wesentlichen Neuerungen in der modernen Dialektologie und in der Varietätenlinguistik gehören die Erhebung und Auswertung möglichst vieler der genannten Aspekte, die Miterhebung sprachbiographischer Daten sowie Erhebungen mehrerer Generationen, so dass auch sprachdynamische Prozesse untersucht werden können. Für das Gebiet des DMW, das mittel- und niederdeutsche Gebiete umfasst, gibt es bislang keinen feinmaschigen, diese Neuerungen abbildenden Sprachatlas.

Gegenüber Phonologie, Morphologie und Syntax nimmt die Lexik insofern eine Sonderstellung ein, als sie auch in Dialektwörterbüchern systematisch erfasst wird. Im Untersuchungsbereich des DMW existiert als Standardwerk für das Mittelfränkische (Dialektverband Ripuarisch und Moselfränkisch), das Niederfränkische und den rheinfränkischen Übergangsraum das zwischen 1928 und 1971 erschienene, neunbändige Rheinische Wörterbuch (RhWb). Zum Westfälischen entsteht seit den 1920er Jahren das Westfälische Wörterbuch, das 2020 abgeschlossen sein soll. Schon bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sind ergänzend auch Ortsgrammatiken entstanden, die wie die frühen Sprachatlanten fast ausschließlich phonetisch-phonologische Aspekte berücksichtigen. Sowohl Wörterbücher als auch Ortsgrammatiken bieten eine Fülle von Sprachmaterial, sind aber aufgrund ihrer Heterogenität (z.B. hinsichtlich Methodik, Systematik, Datenbasis, Alter) kein Ersatz für einen modernen Sprachatlas.

Im 20. Jahrhundert verändern sich die Arbeits- und Alltagswelten radikal, was unter anderem eine Veränderung des sprachlichen Varietätenspektrums bedingt. Ebenfalls wirkt sich die gesteigerte Binnenmigration auf die sprachlichen Verhältnisse aus. Gerade auch für den Raum, der mit dem DMW erfasst wird, ist das hochrelevant. Es stellt sich die Frage, was mit den lokalen Dialekten geschieht. Für große Teile des Gebiets ist davon auszugehen, dass nur noch wenige Personen aktiv Dialekt, d.h. die lokale, durch geringe kommunikative Reichweite gekennzeichnete, ursprüngliche Varietät beherrschen. Dies gilt insbesondere für das Niederdeutsche, das spätestens seit den 1950er Jahren häufig nicht mehr an die Kinder weitergegeben wird. Die kompetentesten Dialektsprecher sind daher im Allgemeinen über 70 Jahre alt. Sie können nicht mehr lange flächendeckend befragt werden, weshalb eine systematische Erhebung jetzt dringend erforderlich ist.

Aktuelle Dialektologie

Die neue Dialektologie: Dialektnähe – Dialektferne

Im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und des Wandels der Alltags- und Arbeitswelten hat sich die Sprache im deutschen Raum u.a. dahingehend strukturell und funktional gewandelt, dass sich Varietäten und Sprechlagen zwischen Basisdialekten und Standardsprache entwickelten. Im Mitteldeutschen veränderten sich die Basisdialekte unter dem Einfluss der Standardsprache, und bereits bis zur Wende zum 19. Jahrhundert entstanden Formen eines „landschaftlichen Hochdeutsch“. Nördlich davon bildeten sich im Zuge der Ablösung und schließlich weitgehenden Verdrängung des Niederdeutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (sog. Sprachwechsel) durch niederdeutsche Transferenzen bestimmte regionale Varianten des Hochdeutschen aus. Die neu entstandenen, landschaftsübergreifenden Varietäten werden in Abgrenzung zu (Orts-)Dialekten als Regiolekte/regionale Umgangssprachen/Regionalsprachen)bezeichnet. Zusammen mit den Dialekten bilden sie den Substandard in Abgrenzung zur Standardsprache als normtreuester Varietät des (gesprochenen) Deutsch

Wie genau sich der Substandard strukturell gestaltet, wie er sozial-situativ verwendet wird und wie er regional unterschiedlich ausgebildet ist, ist Gegenstand von Forschungsarbeiten der neuen Dialektologie. Moderne, über das Internet zugängliche Projekte sind REDE, SiN-Projekt (Sprachvariation in Norddeutschland) und der Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)).

Der DMW orientiert sich insbesondere an dem sich geographisch anschließenden Mittelrheinische Sprachatlas (MRhSA). Die Bestimmung der Ortspunkte ist im MhRSA wie im DMW am Wenker-Atlas orientiert, der 2001-2009 als Digitaler Wenker-Atlas (DiWA) aufbereitet, online publiziert und damit als gefährdetes, historisch bedeutsames Kulturgut konserviert wurde.

Aufgrund des Schwindens der Dialekte ist man heute nicht nur in Europa, sondern weltweit darum bemüht, regionale Varietäten mittels Sprachatlanten zu dokumentieren. Für die benachbarten Niederlande und Flandern ist das Ziel der vollständigen sprachräumlichen Erfassung mit Sprachatlanten zur Phonologie, Morphologie und Syntax, 1998-2008, die auch in digitalisierter Form vorliegen, erreicht (vgl. Research and documentation of Dutch language and culture am Meertens Institut). Die Daten sind in den Atlas Linguarum Europae (ALE) eingegangen.